Es gibt Themen, über die wir erstaunlich ungern sprechen. Scheiße gehört definitiv dazu. Dabei ist sie nichts anderes als das Endprodukt eines ganz normalen Prozesses: Wir nehmen etwas auf, wir verarbeiten es, wir nutzen, was uns stärkt – und wir scheiden aus, was wir nicht mehr brauchen. Im echten Leben ist das selbstverständlich. In Unternehmen dagegen tun wir oft so, als gäbe es keinen „Outcome“, der nicht glänzt. Als wäre alles, was nicht perfekt ist, peinlich oder zu vermeiden. So viel zum Thema Fehlerkultur.
Doch genau hier beginnt das Problem: Wenn Scheiße stinkt, liegt es selten an der Scheiße. Es liegt am Prozess.
Warum Scheiße stinkt – im Körper und im Projekt
Im Körper ist es einfach: Scheiße stinkt, wenn etwas zu lange liegen bleibt, wenn es nicht weitertransportiert wird oder wenn wir Dinge zu uns nehmen, die wir nicht gut verarbeiten können.
Im Projektmanagement ist es exakt dasselbe.
1. Dinge bleiben liegen
Wenn Aufgaben nicht weitergegeben werden, wenn Entscheidungen nicht getroffen werden, wenn Informationen im Team „festhängen“, dann beginnt es zu gären. Unklarheiten, Missverständnisse, Frust – das ist die Projektversion von „zu lange im Darm“.
2. Wir nehmen Dinge auf, die wir nicht verdauen können
Zu viele Meetings. Zu viele Anforderungen. Zu viele Stakeholder, die „nur mal kurz“ etwas wollen. Zu viele Tools, die keiner braucht. Simplifizierung? Fokussierung? Weit entfernt.
Der Körper würde rebellieren. Das Projektteam tut es auch – nur subtiler: Motivationsverlust, Zynismus, innere Kündigung.
3. Wir räumen nicht auf
Im Körper ist klar: Was raus muss, muss raus. Im Projekt? Da sammeln wir Daten, Dokumente, Mails, Versionen, Protokolle, Deadlines, To‑dos – und wundern uns, warum alles schwer wird.
Wenn du nicht regelmäßig ausscheidest, wirst du krank. Wenn dein Projekt nicht regelmäßig ausscheidet, wird es chaotisch.
Das Toiletten‑Szenario: Zuhause und im Büro
Stell dir vor, deine Toilette zu Hause funktioniert nicht mehr. Unvorstellbar. Du würdest sofort handeln.
Aber im Projekt?
Da gibt es keine funktionierende „Toilette“ für:
- unbrauchbare Informationen
- verbrannte Ressourcen
- verlorene Motivation
- emotionale Überlastung
- unnötige Aufgaben
Wir tun so, als könnten wir alles einfach irgendwo ablegen. Doch ohne funktionierende „Ausscheidungssysteme“ stinkt es irgendwann – und zwar gewaltig.
Nahrhafte Informationen vs. Informationsmüll
Ich sage oft: “Es braucht nahrhafte Informationen“ bzw. “Informationen, die einen stärken”. Das ist ein brillantes Bild.
Der Körper braucht:
- Nährstoffe
- Energie
- Klarheit
- Rhythmus
Das Projektteam auch.
Doch wie viel Zeit investieren wir wirklich in die Frage: Welche Informationen stärken uns – und welche belasten uns?
Viele Teams sind überfüttert, aber unterernährt. Sie bekommen massenhaft Input, aber kaum etwas davon ist wirklich nahrhaft.
Sana in corpore sano – und im Projekt?
„Ein gesunder Geist in einem gesunden Körper.“ Der Körperkompass beschäftigt sich genau damit: Energie, Entzündungen, Rhythmen, Signale.
Warum wenden wir dieses Wissen nicht im Projektmanagement an?
Der Körper hat:
- klare Phasen
- klare Prozesse
- klare Ausscheidungsmechanismen
- klare Warnsignale
Ein Projekt braucht dasselbe.
Darf ein Projekt stinken?
Ja – wenn du es als Signal verstehst. Nein – wenn du es ignorierst.
Denn:
- Ein Projekt ohne Konflikte ist tot.
- Ein Projekt ohne Reibung ist künstlich.
- Ein Projekt ohne Fehler ist gelogen.
Der „Geruch“ zeigt dir, wo etwas hängt, wo etwas gärt, wo etwas Aufmerksamkeit braucht.
Projektmanagement und Körper – eine kleine Tabelle
| Körper | Projekt |
|---|---|
| Verdauung | Informationsverarbeitung |
| Ausscheidung | Aufräumen, Löschen, Priorisieren |
| Energiehaushalt | Ressourcenmanagement |
| Entzündungen | Konflikte, Reibungen |
| Immunsystem | Risikomanagement |
| Hunger | Bedarfsermittlung |
| Müdigkeit | Überlastung, Burnout |
| Toilette | Abmanagen von Projekte, Archivierung, Lesson’s Learned |
Wenn du den Körper verstehst, verstehst du Projekte. Wenn du Projekte verstehst, verstehst du Teams.
Rituale: Im Leben selbstverständlich – im Projekt vergessen
Seit Jahrtausenden haben Menschen Rituale:
- Fasten
- Pausen
- Bewegung
- Reinigung
- Vorbereitung
- Regeneration
Doch im Projektmanagement?
Da wird durchgearbeitet. Da wird ignoriert. Da wird „optimiert“, bis nichts mehr funktioniert.
Dabei ist es so einfach: Ein Projekt ohne Rituale ist wie ein Körper ohne Rhythmus.
Der Langstreckenlauf: Vorbereitung ist alles
Ich habe es selbst erlebt: Vor einem großen Lauf habe ich meine Ernährung umgestellt. Ich wußte, was mein Körper brauchte, um Leistung zu bringen.
Warum behandeln wir Projekte nicht genauso?
Jede Phase braucht etwas anderes:
- Initialisierung: Klarheit, Fokus, Energie
- Planung: Struktur, Prioritäten, Ressourcen
- Umsetzung: Rhythmus, Stabilität, Kommunikation
- Testphase: Geduld, Präzision, Feedback
- Release: Entlastung, Übergabe, Integration
Wenn du einem Körper gibst, was er braucht, funktioniert er. Wenn du einem Projekt gibst, was es braucht, funktioniert es auch.
Fazit: Wenn Scheiße stinkt, ist es Zeit hinzuschauen
Scheiße ist kein Problem. Sie ist ein Signal.
Im Körper wie im Projekt.
Sie sagt dir:
- Da ist etwas, das verarbeitet werden muss.
- Da ist etwas, das raus muss.
- Da ist etwas, das du nicht ignorieren solltest.
Wenn du lernst, diese Signale zu lesen, wird Projektmanagement plötzlich menschlich, klar und erstaunlich einfach.
Und vielleicht ist das die wichtigste Erkenntnis:
Gutes Projektmanagement ist wie gute Verdauung – du merkst erst, wie wichtig es ist, wenn es nicht funktioniert.